Krankheitsursachen und Lebenspflege aus Sicht der TCM

Wie ihr vielleicht schon wisst, ist die Chinesische Medizin eines der größten Medizinsysteme weltweit und neben Ayurveda, eines der ältesten. Die TCM ist eine ganzheitliche Medizin und das in mehrfacher Hinsicht. Der Mensch wird als Mikrokosmos im Vergleich zum Makrokosmos Natur gesehen und wir sind ein untrennbarer Bestandteil davon. Weiters sind Körper, Geist und Seele miteinander verknüpft und unser Qi (Energie) verkörpert alle Erscheinungen dieser 3 Komponenten. Die dritte Ganzheit ist eine Verbindung von Außen und Innen - unsere inneren Organe sind mit den äußeren Sinnesorganen (Haut, Haare und äußeren Gliedern) verbunden und über diese Verbindung können wir diagnostizieren und auch therapeutisch einwirken.

Krankheitsursachen


Dieses ganzheitliche Denken ist wichtig, um zu verstehen, dass z.B. äußere Faktoren einen Einfluss auf unsere Innere Welt haben und umgekehrt. Alle Erscheinungen dieser Welt stimulieren, stärken oder hemmen unsere Lebenskraft.

„Gesundheit und Wohlbefinden könnt Ihr nur erlangen, wenn Euer Geist in der Mitte ruht, wenn Ihr Eure Energie nicht vergeudet und den Fluss von Qi und Blut konstant haltet, wenn Ihr Euch den jahreszeitlichen Veränderungen und den jährlichen makrokosmischen Einflüssen anpasst und vorbeugend Euer Selbst nährt.“
(Aus „Der Gelbe Kaiser“)

Dieser Beitrag ist zusammen mit meiner liebe Kollegin und Lehrerin der WSTCM, Laura Rosa Latanza entstanden. Sie hat diesen Beitrag mit Ergänzungen und TCM Rezepten verfeinert! Mehr Infos und Links zu ihrer Person, sowie der Wiener Schule für TCM findet ihr unten.

Wir haben auf den Abschnitt Erkältung und Grippe etwas mehr Aufmerksamkeit gelegt, damit ihr gut durch die kalte Jahreszeit kommt. ;)

Buchtipps zum Beitrag

Krankheitsursachen


Es gibt 3 verschiedene Ursachen von Krankheit: Äußere, Innere und Sonstige Faktoren.

Äußere Ursachen

Dazu gehören die Wettereinflüsse – die 6 klimatischen Faktoren.

  • Wind
  • Kälte
  • Hitze
  • Nässe (Feuchtigkeit)
  • Trockenheit
  • Sommer-Hitze

Diese Faktoren treten meist über Haut, Nase oder Mund in unseren Körper ein und verursachen ein Ungleichgewicht > wir werden krank. Das Ausmaß der Erkrankung richtet sich nach der Stärke des pathogenen Faktors und wie stark unser Abwehr Qi (Immunsystem) ist.

Zu den äußeren Ursachen gehören auch epidemische Faktoren- diese zeichnen sich durch eine hohe Infektiosität aus, der Verlauf ist dramatischer und wird vor allem durch hohes Fieber gekennzeichnet.

Innere Ursachen

Die emotionalen Faktoren:

  • Ärger
  • Freude
  • Mitgefühl/Sorge
  • Trauer
  • Angst
  • Schock

Eine chronische Überbetonung oder Unterdrückung dieser Emotionen, verursacht ein Ungleichgewicht im Körper. Unsere mentale und emotionale Einstellung hat eine entscheidende Wirkung auf unsere körperliche Gesundheit. Wenn die psychischen Aspekte in einer TCM Behandlung nicht berücksichtigt werden, kann sich das volle Potential der Meridiane – auch genannt als himmlische Ströme, nicht voll entfalten.

„Nur geschwächt durch unangemessene Emotionen, können räuberische Winde eindringen.“
(Ling Shu, Kapitel 8)

Sonstige Ursachen

  • Schwache Konstitution
  • Ernährungsfehler
  • Traumata
  • Parasiten
  • Psychische Über- bzw. Unterlastung
  • Überanstrengung
  • Übermäßiger Sex
  • Toxine
  • Strahlenbelastung

Diese ganzen Faktoren nehmen Einfluss auf unser Qi und auf unseren Gesundheitszustand. Wir können unseren Gesundheitszustand aber durch die Pflege des Qi (Lebensstil) und einen achtsamen Umgang mit krankmachenden Faktoren verbessern.

Erkältung und Grippe


Das Abwehr Qi ist die chinesische Bezeichnung für das Immunsystem und schützt uns vor krankmachenden Einflüssen. Eine Erkältung oder Grippe zählt zu den äußeren Ursachen und wird meist durch die typische Tröpfcheninfektion übertragen. Da bei diesem Infektionsweg die Erreger über die Luft, durch Husten oder Niesen, verbreitet werden, nennt sie die TCM Wind Erkrankungen. Im Herbst und Winter sind die Faktoren Wind und Kälte vorherrschend und wenn unser Abwehr Qi nicht stark genug ist, erkälten wir uns leichter. Eine Erkältung oder Grippe wird zu den oberflächlichen Erkrankungen gezählt, da sie Beschwerden im Bereich von Haut, Muskulatur und Meridiansystem verursacht. Typische Symptome sind: Abgeschlagenheit, Kopf- und Gliederschmerzen, Kältegefühl, Schnupfen, Husten, Halsweh, Fieber, Schwitzen.

Erkrankungen können in unterschiedlichen Erscheinungen und Kombinationen auftreten und sich auch verändern. Das Yin (Kälte) und Yang (Wärme) im Körper ist immer in Bewegung und die Therapie erfolgt dann je nach Disharmoniemuster.

Zusätzlich zu den Hausmitteln kann man Arzneimittel der TCM verwenden, die jahrhundertelang erprobt sind und heute nach wie vor in der TCM eingesetzt werden. Zu beziehen sind sie in TCM-Apotheken, am besten nach Verordnung bzw. Abstimmung mit TCM-Arzt/-Ärztin. Denn manche der eingesetzten Arzneimittel, sind rezepturenpflichtige Kräuter.
 Ein Anruf in der nächsten TCM-Apotheke in Ihrer Nähe weist den Weg. Die Rezepturen sind als Dekokte, als TCM-Granulate und vielfach auch als vorproduzierte Tabletten erhältlich. Letztere sind natürlich am unkompliziertesten, noch wirksamer sind allerdings die Dekokte, weil die Kräuter in der Apotheke frisch gekocht werden, oder auch die TCM-Granulate, die die Apotheke spezifisch zusammenmischt

Die verschiedenen Disharmoniemuster

1 Wind-Kälte:

Frösteln und Abneigung gegen Kälte, eventuell leichtes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Nackensteifigkeit, Schnupfen (mit klarem, weißem Sekret), Husten (weißlicher Auswurf), kein oder wenig Schwitzen, heller Urin, weißer Zungenbelag, Verlangen nach warmen Getränken.

Wie können wir uns schützen? Unser Körper fühlt sich kalt an, wir frösteln, der Nacken ist steif, denn die Muskulatur zieht sich schützend zusammen, um den Wind und die Kälte von außen abzuwehren. Die "Krankheit" ist noch im Außen, an unserer Oberfläche, und das Abwehr-Qi kämpft, um sie rasch loszuwerden. Wir können ihm dabei mit scharfen, warmen Kräutern helfen. Die scharfen Kräuter öffnen die Oberfläche und schicken die pathogenen Erreger nach draußen, die warmen Kräuter erwärmen natürlich und vertreiben die Kälte.

In der TCM stehen uns dabei zwei uralte sehr wirksame Rezepturen aus dem "Shang Han Lun" (um 220 n. Chr.) zur Verfügung:

Ma Huang Tang, das Ephedra-Dekokt, aus 4 Kräutern:

  • Ma Huang, Ephedra, wärmt und löst Schwitzen aus, erweitert die Bronchien und ist in der TCM ein wichtiges Asthma-Mittel
  • Gui Zhi, die Zimt-Ästchen, sind auch scharf und warm und verästeln sich in unsere Meridiane und schmecken gut! (super für Kinder)
  • Xing Ren, die etwas bitteren Marillenkerne, sind warm und hustenstillend (wirken auch bei Verstopfung)
  • Zhi Gan Cao, die wohlschmeckende, in Honig geröstete Süßholzwurzel, wärmt auch, unterstützt und harmonisiert dazu die Wirkung der anderen Kräuter, neutralisiert allenfalls deren giftige Komponenten und schafft den Retard-Effekt, den wir auch aus der westlichen Medizin kennen

Gui Zhi Tang, das Ramulus Cinnamoni-Dekokt, aus 5 Kräutern:

  • Gui Zhi, wie oben
  • Bai Shao Yao, die weiße Pfingstrosenwurzel, baut das Blut und die Substanz Yin auf und hilft daher bei Schwäche
  • Shen Jiang, der scharfe Ingwer, wärmt die Oberfläche entgiftet und desinfiziert den Magen
  • Da Zao, die süßen roten Datteln, stärken die Mitte, somit das Qi, und beruhigen und Zhi Gan Cao wie oben

In der TCM gelten Zhi Gan Cao, Sheng Jiang und Da Zao als "the 3 Little Helpers", sie harmonisieren und balancieren gemeinsam die Rezepturen aus und somit den ganzen Menschen

Welche der beiden Rezepturen soll man nehmen? Zuerst einmal Arzt/Ärztin der TCM fragen. Grundsätzlich ist Ma Huang Tang für Kräftige, mit akutem Kälte-Infekt, während Gui Zhi Tang für etwas Schwächere ist, die zusätzlich zur Ausleitung des Kälte-Infekts auch gestärkt werden.

2 Wind-Hitze:

Fieber, geringe Abneigung gegen Kälte, leichte Gliederschmerzen, leichtes Schwitzen, Halsschmerz, roter und geschwollener Rachen, Schnupfen mit gelben Schleim, Husten mit gelblich-klebrigen Auswurf, starke Kopfschmerzen, Verlangen nach kühlen Getränken, dunkler Urin, eventuell Verstopfung oder harter Stuhl, gerötete Zungenspitze und/oder Ränder, gelblicher Belag.

Es geht hier um einen grippalen Infekt bzw. die echte Grippe. Die Wind-Kälte der ersten Phase hat sich zu Wind-Hitze gewandelt, eine natürliche Reaktion des Körpers, um selbst "hoch zu fahren" und damit die pathogenen Faktoren via Hitze in Richtung Körperoberfläche zu bringen und auszuleiten. Das geschieht meist innerhalb von wenigen Stunden und auch hier braucht man eine starke, schnell wirkende Maßnahme, die allerdings kühlt statt wärmt und dazu die Oberfläche öffnet. Je nach Symptomen (Husten, Schnupfen, mehr oder weniger Fieber, etc.) wird in der TCM die Rezeptur variiert und angepasst.

Der Klassiker aus dem 18. Jh. gegen grippale Infekte und Allergien, zur Kühlung, Öffnung der Oberfläche und Abschwellung der Schleimhäute sei hier angeführt und ist:

Yin Qiao San, das Lonicera- und Forsythia-Pulver, aus 10 Kräutern:

  • Jin Yin Hua, die Blüte der japanischen Lonicera, süß und kalt, wie ein Antibiotikum antiviral und entzündungshemmend
  • Lian Qiao, die Forsythienfrucht, bitter und kalt, ähnlich Jin Yin Hua meist gemeinsam mit ihr
  • Jie Geng, die Platycodus-Wurzel, bewegt das Qi der Lunge und löst Schleim
  • Niu Bang Zi, die Klettenfrucht, auch scharf und bitter, für den Hals
  • Bo He, die Minze, kühlend und die Oberfläche öffnend
  • Dan Dou Chi, der Soja-Samen, kühlt sanfter
  • Jing Jie, die Katzenminze Schizonepeta, leitet auch Wind aus
  • Dan Zhu Ye, die süßen Bambusblätter, lindern Durst und stärken die Körpersäfte
  • Lu Gen, befeuchtet und kühlt die Lunge und hilft auch dem Magen
  • Gan Cao, die Süßholzwurzel, diesmal nicht geröstet um zu wärmen, sondern neutral, entgiftend und harmonisierend

3 Wechsel von Hitze und Kälte:

Frösteln und Fieber im Wechsel, Ohrenschmerzen, Rachentrockenheit, bitterer Mundgeschmack, Druck- und Engegefühl im Brustkorb, Schmerzen im ganzen Körper, verschwommenes Sehen, Übelkeit, Erbrechen, Gereiztheit, unruhiger Schlaf.

Diesen unrunden Zustand beschreibt die TCM als Shao-Yang-Syndrom. Grundsätzlich geht es darum, dass die Krankheit sich noch nicht entschieden hat, ob sie rein oder raus geht. Weder hat der Körper die Pathogene erfolgreich abgewehrt, noch sind sie in die Tiefe gedrungen. Das Auf und Ab von Symptomen wird von einem auch mentalen Frustrationsgefühl begleitet, weil man nicht weiß, wie es mit dem verschleppten Infekt weitergeht.

Die TCM begegnet dem sehr schlau mit dem Kleinen Bupleurum-Dekokt (3.000 Jahre alt!), das mit unterschiedlich wirkenden Kräutern an festsitzenden Pathogenen rüttelt und sie auseinander wirbelt, bis sie weg sind:

Xiao Chai Hu Tang, das Kleine Bupleurum-Dekokt, aus 7 Kräutern:

  • Chai Hu, die scharf-bittere Bupleurum-Wurzel, ein Kraut für Leber und Gallenblase, hebt das Qi nach oben, zerstreut, löst Stagnationen und Schleim
  • Huang Qin, die Scutellaria-Wurzel, sehr bitter und kalt, trocknet, beruhigt und wirkt entzündungshemmend
  • Ban Xia, die Pinellia-Knolle, wärmt und wirkt nach unten, wirkt gegen Schleim und Übelkeit
  • Ren Shen, die Ginseng-Wurzel, süß, etwas bitter und warm, stärkt das Qi, die Mitte und die Lunge, baut Yin und Yang auf
  • Dazu die "3 Little Helpers" Da Zao, Sheng Jiang und Zhi Gan Cao zum Ausgleichen und Entgiften

Oftmals beginnt die Erkältung bei Wind-Kälte und wandelt sich dann in Wind-Hitze. Bewegt sich eine Erkrankung weitere ins Körperinnere, so können ernstere Zustände wie zum Beispiel eine Lungenentzündung auftreten.

Lebenspflege


Yang Sheng – die Pflege des Lebens, ist eine besondere Stärke der TCM. Wir können mit Chinesischer Medizin nicht nur Krankheiten eindämmen, sondern auch das Immunsystem dahingehend stärken, um Infektanfälligkeiten und Erkrankungsrisiken zu minimieren. Es gibt viele immunstärkende Mittel die wir vorbeugend einsetzten können, besonders wichtig in der TCM ist jedoch, dass die persönliche und ganz individuelle Grundkonstitution gestärkt und ins Gleichgewicht gebracht wird.

Mithilfe eines TCM Arztes oder Therapeuten können schwächende und auf Dauer krankmachende Einflüsse und Verhaltensmuster ausfindig gemacht werden und durch wohltuendere Dinge ersetzt werden. Es bedarf dazu meist keiner kompletten Lebenswandlung oder Ernährungsumstellung, aus meiner Erfahrung sind es meist 2 bis 3 Faktoren, welche uns nicht so gut bekommen.

Allgemeine Tipps für ein gutes Immunsystem:

  • So oft wie möglich warm essen und trinken
  • Saisonal Kochen und auf eine gute Qualität der Lebensmittel achten (biologisch, regional)
  • Kalte und verschleimende Lebensmittel vermeiden: Rohkost, Milchprodukte, Tiefkühlkost, Weizen, Zucker
  • Ausreichend Bewegung an der frischen Luft
  • Achtsamkeit im Alltag
  • Work-Life-Balance
  • Ein gutes Umfeld – mit was umgebe ich mich (Menschen, Medien, etc.)
  • Dinge tun die einem Freude bereiten

In diesem Sinne, achtet gut auf euer Qi, denn es heißt ja:

„Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts.“
(Arthur Schopenhauer)

Laura Rosa Latanza ist langjährige Tuina Anmo-Practioner in eigener Praxis in Wien. Ausbildungen und Hospitationen in TCM, Tuina, Chin. Arzneimitteln an Instituten und Kliniken in Österreich, China (Nanning/Guangxi und Chengdu/Sichuan) und Iran – zuletzt Orthopädie, Traumatologie, Sportmedizin, Interne. Unterrichtet Theorie und Praxis der TCM und Tuina, leitet die gewerbliche Ausbildung zum Tuina Anmo-Practioner an der Wiener Schule für TCM in Wien.

www.tcm.camp
www.wstcm.at
www.wstcm.at/gmbh/bildungsangebote

Buchtipps:


Buch Grippe und Infekte

Grippe und Infekte (Yang Sheng 4)
Johannes Bernot (et al.)

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Karin Lorenz

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